Wie aufregend, meine allererste Operation. Der Eingriff ist zwar so winzig und harmlos, dass er die Bezeichnung fast nicht verdient. Aber gehändelt wird das alles sehr, sehr ernsthaft. Wie bestellt, stehe ich also an einem Freitagmorgen um 7.30 Uhr im Krankenhaus. Aus irgendeinem Grund habe ich angenommen, dass das der Zeitpunkt meiner OP sein würde. Dem ist aber nicht so. Um die Zeit macht einfach die Ambulanz auf und man gibt mal Bescheid, dass man jetzt da wäre. Einige Formulare werden ausgefüllt und ich werde in den Wartebereich geschickt.

Dann sitze ich also auf meinem Stuhl und warte. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass sich dieses Warten noch ein wenig hinziehen könnte. Glücklicherweise lässt sich meine liebe Freundin, die mich eigentlich um 8.30 Uhr hätte abholen sollen, nicht davon abhalten, trotzdem zu kommen, um mir Gesellschaft zu leisten. Wie hätte sie auch ahnen können, was das bedeuten wird.

Als sie ankommt, erkläre ich ihr mal die Zusammensetzung im Wartezimmer. Immerhin bin ich schon ein Weilchen da. Nach zweieinhalb Stunden Herumsitzen und Beobachten, wie alle meine Bekannten schon hinter Türen verschwunden sind, habe ich plötzlich die Vision, dass die meine Akte verschustert und mich vergessen haben. So was könnte mir leicht passieren. Ich bin ja so ein angepasstes, geduldiges Schaf, das sich dann gegen Ende des Tages als letzte Patientin im Wartezimmer vorsichtig und entschuldigend räuspert, um sich bemerkbar zu machen.

Nein, nein. Nicht mit mir. Ich kann auch Wolf sein. Also bin ich ganz mutig und rotiere auf die Krankenschwester zu, als sie wieder mal einen Namen, der nicht der meinige ist, aufruft. Ich strahle sie an, mache quasi vor lauter Schuldgefühlen Bücklinge und sage zaghaft, dass ich nur mal so interessehalber, weil doch schon alle außer mir drin waren, nachfragen wollte, ob das eh alles passt. Ne, es passt eh alles und ich gehe brav zurück zu meinem Stuhl. Ihr könnt da ruhig lachen über mich. Aber ich lasse da Leute an mein Auge ran. Und das brauche ich noch.

Dann warten wir wieder. An dieser Stelle muss mal erwähnt sein, dass dieses Warten extrem spaßig ist. Ich habe ja meine liebe Freundin llladida dabei. Und wir zwei beide zusammen sind schon irgendwie lustig. Und je absurder die Situation (also etwa 4h auf einem Stuhl hocken), desto besser werden wir. Während also all die Wartenden um uns mit jeder Stunde grummeliger werden, fallen wir vor Lachen fast vom Stuhl. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass das die Leute sogar noch ein bisschen grantiger werden lässt.

Nach mehr als drei Stunden werde ich dann doch mal aufgerufen, nur mal so zur Vor-Vorbereitung. Blutdruck messen und so. Die Krankenschwester schaut mich dann ganz ernst an und sagt: „Ich möchte, dass Sie mir jetzt Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum sagen.“ Kurz werde ich nervös. Wäre ja auch fatal, so kurz vorm Ziel einen Fehler zu machen. Ich bestehe den Test aber und kriege ein lustiges Armband verpasst. Da steht mein Name drauf. Wie bei Neugeborenen. Nur nicht in Rosa. Ich denke mir, dass das Band wohl gut und wichtig ist. Ich möchte ja nicht im Krankenhausdschungel verloren gehen. Und ich bin ja schon froh, dass die mir keinen Knopf durchs Ohr jagen oder ein Zeichen auf den Hintern brennen. Ich gehe dann also zurück zu meiner Herde, die etwas gelangweilt herumhängt, nach Fliegen schlägt und auf Gras herumkaut.

Wir warten dann noch mal ein bisschen. So ca. eineinhalb Stunden. Aber dann geht’s wirklich los. Haube auf den Kopf, Säcke über die Schuhe, Mantel an. Echt jetzt? Dieser ganze Aufwand für diesen winzigen Eingriff? Die haben meine Diagnose hoffentlich schon noch im Kopf? Jedenfalls wird mir die Prozedur dann erklärt, ich muss irgendeinen Wisch mit den Risiken unterschreiben, der Oberarzt persönlich schaut mir tief in die Augen und ich denke mir: Leute, macht mal halblang!

Und schon liege ich auf dem OP-Tisch, wo meine Augen präpariert werden. Und dann wird getropft und gepiekst. Während des gesamten Eingriffs sitzt eine Krankenschwester an meiner Seite, streichelt meinen Arm und redet beruhigend auf mich ein: „Einfach auf den Atem konzentrieren! Sie machen das ganz toll. Gleich haben Sie’s geschafft.“ Das darf doch nicht wahr sein! Mir wird hier doch kein Bein amputiert. Die ganze Situation erscheint mir so surreal, dass ich mich ganz fest konzentrieren muss, nicht loszulachen. Wir wollen ja nicht, dass diese angehende Ärztin mit ihrer Spritze verrutscht und meinen Augapfel aufspießt. Also lache ich nicht und mein Augapfel bleibt heil.

Ich versichere dem Team zum Abschluss, dass alles bestens ist, die Schmerzen erträglich waren und ich ziemlich sicher keinen Nervenzusammenbruch erleiden werde. Sie lassen mich gehen. Gut 5 Stunden nach meinem Auftauchen habe ich es also hinter mir.

Jetzt sehe ich aus wie die Frauen, die sich ihre Lippen aufspritzen lassen. Nur habe ich diesen Schlauch eben am Auge. Meines Wissens verlangt das derzeitige Schönheitsideal zwar nicht unbedingt nach vollen Augenlidern. Aber um ehrlich zu sein, viel schlimmer als Schlauchbootlippen schaut das jetzt auch nicht aus.