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Wenn der Wahnsinn um die Ecke lugt, hebe ich aus einem mir unerfindlichen Grund mein Händchen immer besonders hoch. Wie heute zum Beispiel. Heute ist so ein Tag, an dem nur Schokokuchen hilft: warmer, klebriger, bittersüßer Schokokuchen. Deshalb schnappe ich mein Buch und schleppe mich in mein Lieblingscafé. Dort angekommen packe ich alles aus, was ich für meine kleine Seelenstreicheleinheit brauche, als vom Nebentisch ertönt:

Er: Die Kellner schauen hier selten rein.

Nein, bitte nicht, Lass mich! Ich will keine Unterhaltung, ich will hier Seele streicheln.

Ich: Ich weiß, ich hab’s nicht eilig.

Zu diesem Zeitpunkt lächle ich noch höflich. Der Kellner kommt glücklicherweise auch schon vorbei und ich gebe meinen Schokokuchen in Auftrag. Nun wäre eigentlich lesen angesagt.

Er: Was liest du?

Ich zeige ihm das Buch. Schweigend. In der Hoffnung, dass der Kerl fähig ist, nonverbale Signale zu entschlüsseln.

Er: Ich habe vor Jahren Douglas Coupland gelesen. Tolles Buch. Sicher besser als deines.

Klar, ich hab auch vor Jahren schon Bücher gelesen. Und da waren einige darunter, die besser waren als das hier. Aber was bitte ist los mit dem Typen?

Ich: Na, mir gefällt’s.

Mittlerweile schon etwas verzweifelt, versuche ich, konzentriertes Lesen vorzutäuschen und sein unverständliches Gemurmel zu ignorieren.

Er: Ein Buch fertigzulesen ist wie bei einem Puzzle. Da will man auch nicht, dass es zu Ende geht.

Was soll ich sagen? Meine Erfahrungen mit Puzzles halten sich in Grenzen.

Er: Studierst du Literaturwissenschaften?

Was auch sonst? Ich habe ja ein Buch in der Hand.

Ich: Nein, ich bin Soziologin.

Er: Arbeitest du in dem Bereich?

Ich: Ja, ich bin Sozialforscherin.

Wo bleibt mein Schokokuchen? Aus der seltsamen Veranlagung heraus, zu anderen Menschen nett zu sein, erkläre ich ihm auf Nachfrage möglichst knapp, was ich beruflich mache.

Er: Bist du Freiberuflerin oder bei der Stadt Wien?

Ich: Weder noch, bin bei einem Verein angestellt.

Er: Der natürlich vom Staat erhalten wird.

Ich: Nein, wird er nicht.

Die Stimmung verändert sich zusehends. Und ich frage mich schön langsam, ob schon das Weckerklingeln der Höhepunkt meines Tages war.

Er (inzwischen merklich angespannt): Eine Schmarotzerin bist du.

Ich (Augen aufreißend): Was, bitte?

Er: Ja, lässt dich aushalten, auf unsere Kosten. Und bist unproduktiv, trägst nichts bei.

So habe ich das natürlich bislang nicht betrachtet. Ich antworte jetzt nicht mehr, weil der Wahnsinn völlig unkalkulierbare Dimensionen zu haben scheint. Er packt seine Siebensachen zusammen – ein Hoffnungsschimmer! – und zischt wütend vor sich hin. Und ich denke mir, dass dieser verdammte Schokokuchen besser gut ist. Dann steht er auf, mein Nachbar, und wirft mir einen vernichtenden Blick zu:

Er: Eine Schmarotzerin … und dumm.

Ich bevorzuge, zu schweigen und ihm nicht direkt in die Augen zu schauen. Was bei tollwütigen Hunden funktioniert, hilft hier vielleicht auch.

Er: Dumm … und schiach a no.

Tja, so schnell hat mich noch keiner analysiert. Da fragt man sich schon, wozu man einen Therapeuten bezahlt. Als mir dann der Kellner erklärt, dass der Schokokuchen verbrannt ist und ich mich noch ein wenig gedulden muss … da bin dann ich kurz davor, dem Wahnsinn zu verfallen. Aber ich warte, denn ohne Schokokuchen gehe ich hier nicht raus. Nicht heute! Und dann kommt er. Er ist außen knusprig, innen flüssig und das Himbeereis oben drauf hat die Form einer Rose. Ich tauche meinen Löffel in diesen Berg aus Schokolade und denke mir:

Ja doch, alles wird gut. Und dieser Tag kann mich mal kreuzweise!

Ich habe das Sehvermögen eines Maulwurfs. Der erste Griff nach dem Aufstehen ist der nach meiner Brille. Zum Make-up Auftragen muss ich mich ganz nah an den Spiegel quetschen. Die Mascara-Bürste hinterlässt auf selbigem deshalb gerne Spuren. Wenn ich im Winter einen geheizten Raum betrete, tapse ich völlig verloren mit beschlagener Brille herum. Und Verkehrsschilder muss ich hochklettern, falls ich sie ohne Sehbehelf entschlüsseln möchte. Mich gibt’s quasi nicht ohne. Die Brille ist Teil meines Gesichtes. Deshalb ist der Kauf einer neuen auch ein extrem an den Nerven zerrendes Ereignis. Meine treue Brillensuch-Begleiterin kann davon ein Lied singen.

Im letzten halben Jahr habe ich gefühlte 50x einen dieser Läden betreten. Und jetzt habe ich es wieder gewagt. Mir ist nämlich ein Gutschein einer dieser Ketten ins Haus geflattert. In meiner Filiale wuseln immer unzählige Verkäufer und Verkäuferinnen herum. Ich aber habe das Glück, jedes Mal an den gleichen Typen zu geraten. Ohne übertreiben zu wollen, ist er mit Sicherheit der schlechteste Mitarbeiter des Jahres. Probiere ich eine Brille, rümpft er die Nase. Sage ich ihm, dass ich eine schwarze Brille suche, schlägt er mir zur Abwechslung was Farbiges vor. Will ich Kunststoff, empfiehlt er randlos. Allen Ernstes hat der mir vor einem Jahr statt einer Sonnenbrille eine selbsttönende (SELBSTTÖNENDE!) Brille andrehen wollen.

Kurzum, er hat ein richtig gutes Gespür dafür, was seine Kundin will. Der einzige Aspekt, bei dem wir einer Meinung sind, ist die aktuelle Unart, auf alle Brillenbügel Riesenlogos und Glitzerherzen (ich wünschte, das wäre ein Scherz) dranzupappen. Jedenfalls finde ich endlich eine Brille, die mir gefällt. Der Verkäufer hält sie im Vergleich zum Rest meiner Auswahl zumindest für das kleinere Übel. Da er aber doch ein gewisses Talent zur Verunsicherung hat, gehe ich auf Nummer sicher und bringe am nächsten Tag meine Lieblingseinkaufsberaterin mit.

Wieder tun zig Angestellte wahnsinnig beschäftigt und wieder kommt der Vollkoffer auf mich zu. Da meine Begleitung wirklich bei allen Brillenkäufen dabei ist, kennt sie den auch schon. Und wir überlegen noch gemeinsam, hinter welcher Säule wir in Deckung gehen sollen. Hilft alles nichts. Schon steht er vor uns und versprüht seinen Charme. Jeder humoristische Versuch unsererseits prallt an ihm ab. Jeder humoristische Versuch von seiner Seite ist … na sagen wir nicht besonders lustig. Ich erkläre ihm, dass ich eben noch mal die eine Brille probieren will, woraufhin er mit den Augen rollt und meint, dass er zu viele KundInnen hat, um sich am nächsten Tag noch zu erinnern. Eine gewinnende Person, sag ich doch.

Jedenfalls entschließe ich mich zum Kauf, denn zumindest bei meiner Begleitung findet meine Wahl Zustimmung. Und die Brille kann ja für den Verkäufer nichts. Ich muss hier natürlich nicht erwähnen, dass mein Brillengestell das vermutlich teuerste im ganzen Geschäft und von der Gratis-Aktion ausgenommen ist. Dann wird vermessen, was das Zeug hält. Hierhin schauen, dorthin. Kopf nach oben und hinten links rollen. Einmal mache ich den Fehler, dass ich statt des Kopfes meinen ganzen Oberkörper drehe. Als ich meine Unachtsamkeit bemerke, drehe ich flink den Oberkörper zurück. Aber so einfach geht das nicht. Leicht genervt lässt er mich von vorne beginnen: Oberkörper geradeaus, Kopf nach rechts und dann Pupillen wieder zurückdrehen. Das hätte ich im Leben auch nicht hinbekommen, nur den Oberkörper zurückzudrehen. Aber ich mache mich ja gern zum Affen, wenn’s anderen eine Freude bereitet. Also lass ich ihm seine Wichtigkeit, höre mir sogar noch irgendwelche Geschichten über Algorithmen an und nicke anerkennend. Langsam läuft er sich warm.

Und dann krieg ich ihn rum. Die Messung ergibt nämlich Folgendes: Ich habe einen exakt symmetrischen Pupillenabstand. Exakt dieselbe Entfernung von der Nasenwurzel nach links wie nach rechts. Er sagt das nicht ohne Anerkennung in der Stimme. Das gibt’s wohl nur selten. Die meisten Menschen weichen nämlich 0,5-1mm ab. Ha! Was sagt man dazu? Wenn mir das nächste Mal also jemand ganz tief in die Augen schaut, kann ich ganz selbstbewusst sagen: Na? Beeindruckt? Exakt symmetrischer Pupillenabstand! Ich bin sicher, das haut rein.

Meine Beraterin und ich können das Witzeln ob der erstaunlichen Neuigkeiten nicht lassen. Irgendwer muss ja schließlich für gute Laune sorgen. Wir haben’s also lustig und beraten die Vor- und Nachteile von Symmetrie. Seine Reaktion? „Ich rede hier nur von den Pupillen. Den Rest kann ich nicht beurteilen.“ Ganz reizend!

Irgendwann erinnert er sich schließlich doch wieder an mich und erklärt mir, dass ich Glück gehabt hätte, ihn noch zu erwischen. In ein paar Tagen wechselt er nämlich die Filiale. Tja, was bin ich doch für ein Glückspilz!

Salieri ist mein Schutzheiliger. Der bezeichnet sich nämlich als Schutzheiliger des Mittelmaßes in „Amadeus“. Habe ich gestern in der Josefstadt gelernt. Sehr zu empfehlen im Übrigen. Kurzweilig ist es. Die Schauspieler sind allesamt großartig, das Bühnenbild ist toll und erst die Kleider. Wie gern würde ich mal in diese pfirsichfarbene Tüllwolke der Cavalieri schlüpfen. Wenn ich dann auch noch so singen könnte … Aber was soll ich sagen: Ich bin verdammt zur Talentfreiheit.

In einem anderen Leben wäre ich gern Jazz-Sängerin. Alles inklusive: Verrauchter Club, schwarzes Kleid, ganz viel Drama. Allein die Töne sitzen bei mir nicht immer da, wo sie eigentlich sein sollten.

Vor ein paar Monaten habe ich mir ein Stagepiano gekauft. In der Hoffnung, dass vielleicht Jazzpiano ein guter Ersatz sein könnte. Denkste! Bis ich das drauf habe, sind meine Finger eh längst arthritisch. Und solange meine Ohren kaum eine Oktave von einer Quint unterscheiden können, schaut’s duster aus. Zappenduster.

Wenn’s ums Schreiben geht, schaffe ich gerade mal alle heiligen Zeiten einen Blog-Eintrag. Und diese Einträge sind, um ehrlich zu sein, ja auch nur im schnoddrigen Plapperton formuliert. Literarische Meisterwerke lesen sich anders.

Tanzen tu ich wirklich gern. Um hier aber auf Talentsuche zu gehen, müsste ich wohl öfter als alle 3-4 Jahre Gelegenheit zum Schwingen des Tanzbeins haben.

Auf der Bühne gestanden bin ich auch schon. Der Regisseur hat mir damals allerdings auch nicht gerade ans Herz gelegt, mein schauspielerisches Talent unbedingt weiterzuverfolgen, weil das ansonsten ein großer Verlust für den kulturaffinen Teil der Menschheit wäre.

Gemalt habe ich das letzte Mal vor 10 Jahren und fotografieren kann heutzutage eh jeder.

Mittelmaß also. Vorhin habe ich aber entdeckt, dass ich doch eines habe. Ein Talent, meine ich. Und zwar das zur Tagträumerei. Jetzt sagt ihr vielleicht, dass das nichts Besonderes ist und ihr das auch alle könnt. Aber da muss ich widersprechen. Ich kann das besser. Eben sitze ich in der Küche, trinke meinen Kaffee und entschwinde. Und das Drehbuch in meinem Kopf ist so gut, dass ich plötzlich in lautes Lachen ausbreche. Lautes Lachen! Nur mit mir selbst! Andere würden das vielleicht als bedenkliches Anzeichen für einen nahenden psychotischen Schub deuten. Nicht doch. Ich freue mich darüber, endlich ein Talent gefunden zu haben.

Ich bin auch schon mal gegen eine Straßenlaterne geknallt, weil ich so intensiv mit der Regie meiner Kopfgeschichten beschäftigt war. Ich kann mich ebenso gut selbst zu Tränen rühren wie milde lächelnd auf der Straße herumwandern. In meinem Kopf bin ich so unglaublich schlagfertig und eine Meisterin der physical comedy, dass selbst Diane Keaton blass ausschaut.

Und im echten Leben habe ich dann zumindest noch meine Fähigkeit, über mich selbst und meine Mittelmäßigkeit lachen zu können. Immer wieder und richtig laut.

Ich weiß ja nicht, wie’s euch geht. Aber ich bin Meisterin darin, an Bars herumzulungern und nicht bedient zu werden. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, woran das liegt. Schön, ich bin eher klein gewachsen, aber ich steh doch ohnehin schon immer auf diesen Fußabstelldingens herum, um ein paar cm dazu zu gewinnen.

Ich versteh’s einfach nicht. Da ist es möglich, einem Strafzettel zu entgehen, nur weil du mal kurz die Augen aufreißt und dümmlich-entschuldigend lächelst, aber ein Bier kriegst du nicht. Das mit den Strafzetteln mag ja irgendwie daneben sein. Eigentlich ist das sogar ziemlich sexistisch. Aber hey! Ein Landstraßen-Stelldichein mit einem Polizisten, der schon mit dem Erlagschein wedelt, halte ich nicht für den geeignetsten Ort, meinen feministischen Standpunkt klarzumachen. Ich muss schließlich auch irgendwie über die Runden kommen.

Na, jedenfalls finde ich es ärgerlich, das mit dem Nicht-bedient-Werden. Ich halte das für eine Unart – und zwar eine ganz ungute. Und ich frage mich, ob die Barkeeper dieser Welt* das in ihrem doofen Kurs lernen: „Passt auf. Nur nicht stressen lassen! Die Leute stehen drauf, wenn man sie warten lässt. Kriegen sie endlich ihren Drink, sind sie so dankbar, dass das Trinkgeld nur so plätschert.“

Wobei, so kann’s eigentlich nicht sein. Denn die anderen werden ja bedient. Es bin ja nur ich, die auf den Fußabstelldingens auf und ab wippend, mit Verzweiflung in den Augen und ausgetrockneter Kehle ewig lang auf ihr Bier warten muss. Und die anderen Trinkwilligen verbünden sich dann auch noch mit den Barkeepern, indem sie sich elegant an mir vorbeischieben, mich dezent wieder ein paar cm zurückdrücken und dann schwuppdiwupp ihr Bier ergattern. Der Text lautet also wohl eher: „Lasst v.a. die kleinen Frauen warten! Immer schön ignorieren und über sie hinwegschauen. Es ist nämlich ausgesprochen niedlich, wenn sie dann zornig werden. Euer Job soll doch Spaß machen!“ Meinen Zorn könnt ihr haben. Und niedlich lass ich weg!

*Und ganz offiziell nehm ich hier diejenigen Barkeeper aus, die selbst mich nicht ignorieren, sondern sehr aufmerksam und freundlich meinen Durst stillen. Danke!
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