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Also, ich wär dann bereit für den Jahreswechsel. Mein Abschiedsbrief an 2009 ist verfasst (manchmal bin ich eben sentimental), meine Ziele für 2010 sind aufgeschrieben und in einem Kuvert verschlossen (jaja, ein wenig neurotisch bin ich auch), Alkohol steht in rauen Mengen bereit (man will ja auf einen möglicherweise vorbeitanzenden Blues vorbereitet sein, sicherheitshalber), der Truthahn hat es sich im Ofen gemütlich gemacht (wer sagt, dass man Truthahn nur an Weihnachten isst?) und ich fühl mich gut.

Und weil ich gerade so schön in Stimmung bin, Optimismus zu verbreiten, hier noch ein Zitat aus einem Buch, das ich gerade lese:

“Das Leben lässt uns alle irgendwann mal auf dem Hintern landen. Danach stehen wir wieder auf und nehmen ein paar Veränderungen vor. Wir Menschen können das, wir können uns auf die Gegebenheiten einstellen.” Jonathan Tropper

Yep, so isses. Immer her mit den Gegebenheiten!

Also, Hintern hoch und schön aufrecht ins neue Jahr schreiten! Ich hab ein verdammt gutes Gefühl. Das wird schon.

Euch allen ein glückliches, aufregendes neues Jahr!

Und? Habt ihr euch schon mit den Ellbogen voraus durch die Mariahilfer Straße gekämpft? Habt ihr zwei Rollen Klebeband und obszöne Mengen Papier verbraucht? Seid ihr mit Bergen von Geschenken quer durchs Land gereist? Hat euch eure Tante von oben bis unten gemustert, um euch dann mitzuteilen, wie wohl euer Jahr so gewesen ist? Und am wichtigsten: Habt ihr heute schon 35x “Last Christmas” gehört?

Das hab ich auch hinter mir! Aber ich versuche in weihnachtlich versöhnlicher Manier nicht durchzudrehen und tagträume lieber vor mich hin, wie’s wäre die Tantiemen für diesen Song abzukassieren …

Jedenfalls: Weihnachten ist’s. Und das ist auch irgendwie ok. Musste ja mal wieder so kommen, nicht wahr?

Euch Weihnachtsfreaks da draußen wünsche ich ein wunderschönes Fest mit all dem Kitsch, der dazugehört! Und euch Weihnachtsmuffeln: Erträglich soll’s sein. Aus eigener Erfahrung kann ich euch versichern, auch das geht vorbei.

Und irgendwie: Schön ist’s auch. Also, lasset die Truthähne aufmarschieren und die Kekskörbe zum Bersten gefüllt sein! Und dann: immer kräftig zubeißen!

Frohes Fest!

Wir befinden uns im Südburgenland, wo ich wunderbare Menschen besuche und Wagenladungen voll Kekse backe. Trotz meiner völlig unspirituellen Veranlagung neige ich in der Weihnachtszeit ja dazu, dem Kitsch zu erliegen. Da kann’s schon mal vorkommen, dass ich zu Eartha Kitts „Santa Baby“ durch die Wohnung tanze und singenderweise Kerzen entzünde. Aber darum geht’s jetzt grad nicht.

Wir sind noch immer im Südburgenland, wo ich schon zu Mittag zwei Gläser Nusslikör intus und vom Teigberge Kneten Unterarme wie ein Maurer habe.

Als mir vorgeschlagen wird, am frühen Abend ein Weihnachtskonzert in einer Kirche zu besuchen, geht mir nur eines durch den Kopf: ehrlich jetzt? Aber eine Pause ist dringend nötig und so machen wir uns auf den Weg ins Unbekannte. Denn wir haben keine Ahnung, was für ein Konzert wir hören werden. Volkstümliches? Jazziges? Sakrales? Ein Chor? Eine Band? Ein Orchester? Wir lassen uns überraschen.

Die Kirche ist klein und gut geheizt, was ich ganz generell mal für einen guten Anfang halte. Und beglückt werden wir wohl von einer Blaskapelle, wie wir aus den Instrumenten schließen. Naja, Blaskapelle. Muss man mögen, nicht? Aber ich fühl mich gerade so schön adventlich und gebe dem ganzen mal eine Chance. Ich schlage also das Programm auf.

Adeste Fidelis: Ja, das mag ich. Klingt ok.

Nessun Dorma: Gewagt irgendwie, aber Paul Potts hat’s schließlich auch hingekriegt.

Heal the world: Bitte was? Heal the world? Michael Jacksons Heal the world? Ganz schön langsam wird mir ein wenig mulmig und ich frage mich, ob die Leute wissen, was sie tun.

Und dann geht’s los. Und wie’s losgeht. Schon beim 3. Ton machen sich meine Augenbrauen selbständig und meine Lider fangen an zu zucken. Ist das deren Ernst? Haben die vergessen ihre Instrumente zu stimmen? Ich versuche, ruhig weiter zu atmen und eine aufkommende Panikattacke zu unterdrücken und bin heilfroh, als der 1. Text vorgetragen wird und die Musiker und Musikerinnen Pause haben. Ich glaube, die sind selber froh. Nessun Dorma dann ist so schräg gespielt, dass ich bis kurz vor Schluss unsicher bin, ob sie vielleicht ein anderes Stück vorgezogen haben. Und dann wird aufgelöst, wieso auch Heal the world und We are the world auf dem Programm stehen. Der Obmann des Musikvereins, ein begnadeter Redner mit beeindruckendem Schnauzer, der so pechschwarz gefärbt ist wie sein föngewelltes Haupthaar, erklärt es uns. Schöne Lieder sind es, meint er. Und außerdem hat Michael Jackson etwas ganz Wunderbares gesagt. Und dieses Zitat stellt auch gleichsam das Motto des Konzerts dar:

„In jedem Menschen steckt was Gutes!“

Das muss man sich mal geben: In jedem Menschen steckt was Gutes! Hallo? Habt ihr das gewusst? Kein Mensch ist durch und durch schlecht. Meine Güte, bin ich froh. Was für eine Erleichterung. Und noch viel dankbarer bin ich für die Erkenntnis, dass Michael Jackson so unglaublich tiefsinnig gewesen ist. Weihnachten kann kommen, wenn’s nach mir geht. Bin schon ganz besinnlich.

Irgendwie gelingt es mir, während des Konzerts die Fassung zu bewahren. Nichts bringt mich aus der Ruhe. Nicht der Jugendliche, der seine Rassel derart unrhythmisch bewegt, dass ich ihn im Verdacht habe, entweder ans Fußballtraining zu denken oder jeden Moment einfach wegzupennen. Auch nicht das in südburgenländischem Dialekt vorgetragene literarische Kleinod „Hausfrauen Advent“. Aber irgendwann ist’s einfach genug. Ich gebe auf bei „Gern hab’n tuat guat“. Ein eher episches Stück, zu dem ein riesiger, breiter Herr Textzeilen spricht. Er tut das auf eine monotone, auf schwere Depressionen schließen lassende Weise. Und dann lautet der Refrain doch tatsächlich: Das Leben ist schön. In monoton, in depressiv, in zum Heulen. Immer wieder. Das Leben ist schön. Und da kann ich nicht mehr.

Die wunderbare Person, die mich ins Konzert geschleppt hat – und ja, ich verzeihe dir – hat’s meines Erachtens auf den Punkt gebracht:

„That was pretty awful.“

Yeah, pretty or very!

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