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Ich habe das Sehvermögen eines Maulwurfs. Der erste Griff nach dem Aufstehen ist der nach meiner Brille. Zum Make-up Auftragen muss ich mich ganz nah an den Spiegel quetschen. Die Mascara-Bürste hinterlässt auf selbigem deshalb gerne Spuren. Wenn ich im Winter einen geheizten Raum betrete, tapse ich völlig verloren mit beschlagener Brille herum. Und Verkehrsschilder muss ich hochklettern, falls ich sie ohne Sehbehelf entschlüsseln möchte. Mich gibt’s quasi nicht ohne. Die Brille ist Teil meines Gesichtes. Deshalb ist der Kauf einer neuen auch ein extrem an den Nerven zerrendes Ereignis. Meine treue Brillensuch-Begleiterin kann davon ein Lied singen.

Im letzten halben Jahr habe ich gefühlte 50x einen dieser Läden betreten. Und jetzt habe ich es wieder gewagt. Mir ist nämlich ein Gutschein einer dieser Ketten ins Haus geflattert. In meiner Filiale wuseln immer unzählige Verkäufer und Verkäuferinnen herum. Ich aber habe das Glück, jedes Mal an den gleichen Typen zu geraten. Ohne übertreiben zu wollen, ist er mit Sicherheit der schlechteste Mitarbeiter des Jahres. Probiere ich eine Brille, rümpft er die Nase. Sage ich ihm, dass ich eine schwarze Brille suche, schlägt er mir zur Abwechslung was Farbiges vor. Will ich Kunststoff, empfiehlt er randlos. Allen Ernstes hat der mir vor einem Jahr statt einer Sonnenbrille eine selbsttönende (SELBSTTÖNENDE!) Brille andrehen wollen.

Kurzum, er hat ein richtig gutes Gespür dafür, was seine Kundin will. Der einzige Aspekt, bei dem wir einer Meinung sind, ist die aktuelle Unart, auf alle Brillenbügel Riesenlogos und Glitzerherzen (ich wünschte, das wäre ein Scherz) dranzupappen. Jedenfalls finde ich endlich eine Brille, die mir gefällt. Der Verkäufer hält sie im Vergleich zum Rest meiner Auswahl zumindest für das kleinere Übel. Da er aber doch ein gewisses Talent zur Verunsicherung hat, gehe ich auf Nummer sicher und bringe am nächsten Tag meine Lieblingseinkaufsberaterin mit.

Wieder tun zig Angestellte wahnsinnig beschäftigt und wieder kommt der Vollkoffer auf mich zu. Da meine Begleitung wirklich bei allen Brillenkäufen dabei ist, kennt sie den auch schon. Und wir überlegen noch gemeinsam, hinter welcher Säule wir in Deckung gehen sollen. Hilft alles nichts. Schon steht er vor uns und versprüht seinen Charme. Jeder humoristische Versuch unsererseits prallt an ihm ab. Jeder humoristische Versuch von seiner Seite ist … na sagen wir nicht besonders lustig. Ich erkläre ihm, dass ich eben noch mal die eine Brille probieren will, woraufhin er mit den Augen rollt und meint, dass er zu viele KundInnen hat, um sich am nächsten Tag noch zu erinnern. Eine gewinnende Person, sag ich doch.

Jedenfalls entschließe ich mich zum Kauf, denn zumindest bei meiner Begleitung findet meine Wahl Zustimmung. Und die Brille kann ja für den Verkäufer nichts. Ich muss hier natürlich nicht erwähnen, dass mein Brillengestell das vermutlich teuerste im ganzen Geschäft und von der Gratis-Aktion ausgenommen ist. Dann wird vermessen, was das Zeug hält. Hierhin schauen, dorthin. Kopf nach oben und hinten links rollen. Einmal mache ich den Fehler, dass ich statt des Kopfes meinen ganzen Oberkörper drehe. Als ich meine Unachtsamkeit bemerke, drehe ich flink den Oberkörper zurück. Aber so einfach geht das nicht. Leicht genervt lässt er mich von vorne beginnen: Oberkörper geradeaus, Kopf nach rechts und dann Pupillen wieder zurückdrehen. Das hätte ich im Leben auch nicht hinbekommen, nur den Oberkörper zurückzudrehen. Aber ich mache mich ja gern zum Affen, wenn’s anderen eine Freude bereitet. Also lass ich ihm seine Wichtigkeit, höre mir sogar noch irgendwelche Geschichten über Algorithmen an und nicke anerkennend. Langsam läuft er sich warm.

Und dann krieg ich ihn rum. Die Messung ergibt nämlich Folgendes: Ich habe einen exakt symmetrischen Pupillenabstand. Exakt dieselbe Entfernung von der Nasenwurzel nach links wie nach rechts. Er sagt das nicht ohne Anerkennung in der Stimme. Das gibt’s wohl nur selten. Die meisten Menschen weichen nämlich 0,5-1mm ab. Ha! Was sagt man dazu? Wenn mir das nächste Mal also jemand ganz tief in die Augen schaut, kann ich ganz selbstbewusst sagen: Na? Beeindruckt? Exakt symmetrischer Pupillenabstand! Ich bin sicher, das haut rein.

Meine Beraterin und ich können das Witzeln ob der erstaunlichen Neuigkeiten nicht lassen. Irgendwer muss ja schließlich für gute Laune sorgen. Wir haben’s also lustig und beraten die Vor- und Nachteile von Symmetrie. Seine Reaktion? „Ich rede hier nur von den Pupillen. Den Rest kann ich nicht beurteilen.“ Ganz reizend!

Irgendwann erinnert er sich schließlich doch wieder an mich und erklärt mir, dass ich Glück gehabt hätte, ihn noch zu erwischen. In ein paar Tagen wechselt er nämlich die Filiale. Tja, was bin ich doch für ein Glückspilz!

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